Vermeer

Nun sitze ich auf, nennen wir es Sofa-Bank, auf der Terrasse meines gemieteten Apartment in Luxor Westbank mit Blick auf den Luxortempel . Es zirpen die Spatzen, es rufen die arbeitenden Männer unten auf der ungeteerten Strasse, es rattern die vorbei fahrenden Motorräder oder Tuktuks und es brummen die Motoren der am gegenüberliegenden Ufer ankernden Kreuzfahrtschiffe. Vor mir ragen die Holzmasten der Segelschiffe, den Feluccas, und weiter links geht meine Blick Nilabwärts auf die Seite an Seite festgemachten farbigen Motorboote, wartend, bis der nächste Passagier aufsteigt und ans andere Ufer oder eine kleine Schiffahrt unternehmen will.

Möchte wohl jemand, gerade diesen Text lesend, mit mir tauschen?

Gestern kaufte ich mir eine Galabia, ein langes Kleid, da ich mit meiner brasilianischen und europäischen Sommerkluft doch ein wenig zu légère im sehr konservativen Oberägypten angezogen bin. Diese Kleider werden sowohl von Männern als auch von Frauen getragen.

Das mir aber jegliche Rundungen fehlen, und zudem ich doch nicht wirklich alle Haut unter dem Kleid haben will, nahm mich die Schneiderin, eine junge Frau, ein paar Häuser weiter in einen Hinterhof mit samt dem zu ändernden Rock zu sich nach Hause mit. Ich kleidete mich im Kinderzimmer um, sie mass mit Auge, Händen und Fingern was wo zu kürzen sei, und schnitt auf dem Fliesenboden das Kleid zu beziehungsweise die Überlängen ab. Danach setzte sie sich in ihrem geblümten, altrosa farbenen langen Kleid, sich des Kopftuch entledigend, an die gleich unter der Öffnung zum Balkon stehenden alten, schwarzen Nähmaschine und fing an zu nähen. Ohne Stecknadeln. Ohne Fadenschlag. Der dicke Vorhang, den Balkon und die Näherin von der Sonne schützend, wehte leicht im Wind. Die Maschine ratterte. Ich sass hinter ihr auf einer Wandbank, mein Blick auf sie im Türrahmen gerichtet, das Licht durch den Schlitz des sich bewegenden Vorhangs scheinend, ein Anblick, ich war entrückt und entzückt, als ob ich vor einem Gemälde Vermeers stünde, einer Zeitreise innewohnte, also eher neben Vermeer stünde, welcher sogleich seine Pinsel mit satter Farbe auf seine Leinwand setzte. Fast hätte ich laut losgeschluchzt vor Emotionen, hätte am liebsten selber meine Pinsel dabeigehabt und losgemalt, aber selbst mein Handy war unten im Laden geblieben. So konnte ich das Vermeer Bild „das Mädchen an der Nähmaschine“ nur im Kopf festhalten. Und natürlich wäre mein dilettantisches Pinseln niemals dem Vermeer gleich gekommen.

Durch den Kopf ging mir auch noch einiges. In dieser Idylle. Nämlich, dass doch der grösste Teil der Menschheit auf diesem Planeten noch so lebt, einfach, ohne modernem Schnickschnack, mit dem Nötigsten (meist leider mit zu wenig vom Nötigen). Ich dachte mir in diesem Moment: Was bringt oder brachte uns der Fortschritt? Und das Wissen dazu?

Und mir wurde nach der Schilderung dieser Szene und meinen melancholischen Gefühlen die rhetorische Frage gestellt, dass ich ja nicht tauschen wolle. Nein, aber was heisst denn überhaupt tauschen in dieser Situation? Wäre ich denn noch mich, wenn ich tauschen würde? Oder wäre ich sie? Wie wäre ich denn, wenn ich sie wäre? Und wie ist ihr Wohlbefinden?

Ist denn unser westliche technische und wirtschaftliche Fortschritt gleichzusetzen mit der Emanzipation und Gleichstellung? Hat denn Glück, Zufriedenheit und Wertschätzung etwas zu tun mit technischem Fortschritt? Und meine grösste Frage: Ist das Leben und die Menschheit besser (geworden), wenn oder weil sie mehr weiss und mehr besitzt? Und ist es nicht so, dass wir unser Wissen und unseren Fortschritt auf Kosten eben dieser gezwungenermassen einfach lebenden Bevölkerungen, wohl mindestens 80% der Weltbevölkerung, erreichten und erhalten können?

Wohin uns der technische und wissenschaftliche Fortschritt noch alles bringen wird, und ob wir alle uns dann bald Vermeer-ähnliche Zustände herbeisehnen, ist ja gerade ein sehr aktuelles Thema. Vielleicht wollen wir in Zukunft doch alle besser tauschen?

Aber vielleicht geben sich in Zukunft die KI-gesteuerten Drohnen selbst aufs Dach und wir warten ab und trinken Tee zusammen. Oder nähen uns ein Kleid.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.