Nun liege ich erschöpft unter meinem Fliegennetz im Bett und reflektiere über das soeben fertig gelesene Buch von Mathieu Palain « Nos pères nos frères nos amis - Dans la tête des hommes violents » und unsere Gesellschaft. Nicht nur über unsere Insel Europa, die Schweiz als Luxus-Bubble in der Mitte, sondern über die Gesellschaft in den höchsten Etagen weltweit. Alle Augen auf sie gerichtet, alle Menschenleben dieses Planeten in Abhängigkeit deren Launen, Entscheidungen und Machenschaften.
Über meine Laune habe ich im letzten Beitrag schon geschrieben und sie hält an, obwohl ich daran arbeite. Nun ja, vielleicht war dieses Buch nicht sehr hilfreich, aber soll frau denn, um sich besser zu fühlen, wegsehen und so tun, als ob nichts wäre, anstatt zu verstehen? Kuchen backen und über das nächste Rezept diskutieren? Ihre Figur im Schuss halten und Falten bekämpfen? Mindfulness ausüben und Hormontabletten schlucken? Bekommt sicher der glatten Haut. Aber bekommt es unseren Bedürfnissen?
Ich versuche es wirklich, aber was soll ich tun, wenn die Trunkenbolde von frühmorgens bis tief in die Nacht vor der Haustür lärmen, die Umgebung verpinkeln, andere mit ihren kläffenden Fiffis zu jeder Tages- und Nachtzeit Gassi gehen? „Alors fermez vos fenêtres!“ Wenn Idioten mit ihren übermotorisierten Zwei- und Vierräder tagsüber durch die Dörfer und nachts durch die stillen Strassen jagen oder wenn ich gemütlich nach der Arbeit auf der Rolltreppe im Bahnhof von einem Rüppel, ohne sich danach zu entschuldigen, beiseitegestossen werde und fast das Gleichgewicht verliere?
Oder wenn ich dann im Zug sitze oder zu Serafino fahre und mein Blick über unsere ausgetrocknete Landschaft schweift, wo um Himmels Willen soll ich da noch guter Laune werden? Ich mag zwar gerne Sommer und heiss. Man könnte sogar sagen, ich bin bis zu gewissen Graden hitzeresistent, liebe die Palmen und Kamele. Aber wenn dann bei Serafino angekommen, mein eigentliches Cowboy-Rössli Asthma hat vor lauter Hitze und Staub, dann bleibt meine Laune (und mein Konto) stets im Tal.
Anstatt weltweit Massnahmen zum Schutze der Natur und zum Beitrag des Friedens zu verkünden, wird lamentiert und weiterhin bombardiert. Es brennt, die Wälder, die Ölfelder, die Städte, die Zeit.
Ja, diese Testosteron gelenkte und dominierte Welt verdirbt mir die Laune. Tagein tagaus. Nachts. Vierundzwanzig Stunden. Und wisst ihr was? Mein Testosteron kocht mit! Brennt unter diesen Umständen.
Im Alter soll laut Forschung das Testosteron genau wie das Östrogen zurück gehen. Scheinbar bin ich da körperlich noch nicht. Zumindest nicht mit dem Testosteron. Oder vielleicht schon drüber? Wut käme im Alter. Eine Altersdepression mit 54 Jahren? Oder eine beginnende Demenz?
Es wäre mal an der Zeit, dass die Forschung sich ein bisschen mehr um die Frauen kümmert, bevor ich mich der vorzeitigen Altersdepression oder der Demenz verschreibe.
Bis dahin, versuche ich mein Testosteron zu akzeptieren, lasse es bei Bedarf kochen und versuche mit gehobener Faust zu guter Laune zurückzukehren. Mal sehen, ob es gelingt.