Jetzt sitze ich im Flugzeug zurück ins Ländle und sehe auf unsere Welt hinab. Hinter mir sitzt ein Mann um die zehn Jahre älter als ich und zieht jede dreissig Sekunden seinen „Choder“ hoch, kommentiert laut was auch immer er denkt (nichts was sich zu kommentieren lohnen würde) und was er sieht. „Hei lueg emal da!“ Seine Frau schläft. Mein ihm angebotenes Taschentuch lehnte er dankend ab. Vielleicht hätte ich ihn eher anschnauzen sollen, er soll doch Heimatschtutz nonemoll nicht so ungehobelt seine Nase hochziehen. Schlimmer als ein Kindergärtner - Den Kindergarten hat er wohl ausgelassen und ging sofort in die Schule der Rücksichtslosen.
Vielleicht ist gerade die Rücksichtslosigkeit ein Thema, welches mich in den letzten Jahren mehr und mehr beschäftigt. Und mir mehr und mehr die Laune verdirbt, mir Witz und Schalk aus meinen Texten raubt. Und einem mehr und mehr das Leben verderbt. Was frau sich ja nicht verderben lassen sollte.
Bin ich feinfühliger geworden? Empfindlicher? Stört es nur mich? Warum sagt niemand was?
Ich habe sogar öfter das Gefühl von Bedrängnis. Angst um meine und unsere Rechte. Um Jahrzehnte lang erkämpfte Freiheiten und Gleichberechtigungen. Nein, nicht von den bösen anderen aus fernen Ländern mit fremden Sitten. Sondern der aus eigenem Lager drohende Gefahr der Verrohung und Verdummung. Verblendung und Taubheit. Gleichgültigkeit. Bequemlichkeit; mit fatalen Folgen.
Hat uns doch die letzte Ausgabe der Fussball-Weltmeisterschaft gezeigt, wie die Mächtigen bestimmen und wir alle zwar sehen, aber es gelten lassen. Wo nicht nur der Ball, sondern auch vor laufenden Kameras die Regeln mit Füssen getreten werden.
Und wenn wir an all die laufenden Kriege denken und ihre Abläufe. Es gelten keine unserer jüngsten internationalen Abmachungen mehr. Folter, Völkermord, Okkupation, Elimination der JournalistInnen, Bombardierungen von Spitälern und Schulen, …. alles ist erlaubt. Ohne Vertuschung. Und wir sehen zu oder weg und schweigen.
Nein. Früher war nicht alles besser. Sondern schlechter. Aber warum jetzt dieses Aufgeben des Errungenen? Dieses Ignorieren des Wissens und dieses Akzeptieren und Verherrlichen des rücksichtslosen Verhaltens der wieder mächtig werdenden egoistischen Selfmade-Könige? Meist noch unter dem Deckmantel religiöser oder pseudo-ideologischer Begründung?
So - was die einen raufziehen, lasse ich nun raus. Meinen Seelen“choder“. Exküsi. Aber für das gibt es kein Taschentuch.
Ob er sich jetzt Sorgen machen soll über den Ausgang meiner Krise, meinte gerade ein Freund von mir. Naja, eher über den Ausgang der momentanen und zunehmender desaströsen Weltlage. Ich meinerseits nehme mir noch ein bisschen die Freiheit, so lange schriftlich rumzu“chodern“ bis mir die Finger gebunden werden. Und versuche doch ab und zu, den Humor nicht zu verlieren. Ich gebe mir jedenfalls Mühe.
