Es ist Sonntag Nachmittag und ich sitze am Rheinbord in Basel auf dem Bänkli im Schatten eines Baumes. Es geht ein Wind, richtig angenehm. Mein Bikini ist noch feucht, die modernen Badekleider-Stoffe trocknen heutzutage nur noch bedingt. Somit Wind und feuchtes Bikini mir im Schatten sogar schon fast Hühnerhaut aufkommen lassen.
Als ich ein Teenager war, sass ich oft mit meiner besten Freundin auf dem Bänkli am Barfüsserplatz und wir beobachteten die vorüber ziehenden Leute. Unserem Alter entsprechend kommentierten wir Aussehen, Outfit, Körperhaltung und Vehikel gnadenlos.
Hier am Rhein schwimmt, spaziert und sitzt gross und klein, jung und alt, dick und dünn meist in Badehosen und Bikini. Normalerweise traut man sich in unseren Regionen ab einem gewissen Alter oder gewissen Gewichtsumständen nicht, zu viel Haut zu zeigen. Was denken ächtsch die Leute? Das sieht ja fürchterlich aus! Das kritische schweizer Auge ist vernichtend. Doch steigen die Temperaturen, überkommt der Schweizer Sittlichkeit eine Gleichgültigkeit. Erfrischung und Leichtigkeit gehen vor, die Hüllen fallen, die Bier-und Pastaränzen, die Zellulitis- und Schwabbelhaut, die O- und X-Beine, die Platt- und Senkfüsse, alles kommt zum Vorschein und: Alle sind doch irgendwie gleich unperfekt. Die eine hat dicke Beine, dafür ein flacher Bauch, der nächste einen Ranzen mit Steckenbeine, dafür noch alle Haare auf dem Kopf, die links einen satten Hintern und schlappe Brüste, der nächste kurze Beine, breiter Oberkörper, einen Buckel, hohles Kreuz, Krampfadern, …. Die ganz wenigen oberperfekten Körper gibt es wenig und eigentlich ist auch alles so was von egal. Denn heiss ist heiss und Mensch ist Mensch.
Was einem aber trotzdem auffällt, sind die vielen Tattoos, welche ans Tageslicht treten. Kunstwerke, Verzierungen, Rebellionsurkunden, Jugendsünden, Bekenntnisse, Krisenzeugnisse, Ferienandenken, Verunstaltungen, … tonnenweise Tinte und stundenlange Torturen zieren die Körper der Schweizer Bevölkerung jeglichen Alters und Gesinnung an den undenklichsten Körperteilen. Mich würde interessieren, zu welchem Zeitpunkt ihres Lebens und in welcher psychischen Verfassung das Tattoo gestochen wurde? Warum gerade an diesem Körperteil jenes Motiv? Erfreuen sie sich täglich über das Werk? Ist es das Endprodukt oder kommt noch was dazu? Wo haben sie es stechen lassen? Sind sie zufrieden mit dem Resultat? Hat es fest weh getan? Gefällt ihnen der Schmerz? Würden sie es nochmals tun? Was hindert sie daran, mehr zu stechen? Was hindert sie daran, es sein zu lassen? Wollen sie, dass wir hinschauen? Wollen sie sogar, dass wir fragen? Uns ihre Geschichten erzählen?
Aber wieder einmal hindert mich meine Schweizer Erziehung: Hierzulande lässt steckt man die Nase nicht in fremde Angelegenheiten. Also wird nicht gefragt. Und auch nicht zu fest hingesehen.
Was ich mir denn stechen lassen würde, wenn ich eines haben müsste, wurde ich von meiner Freundin gefragt. Das hätte ich mich echt noch nie gefragt, erwiderte ich; keine Ahnung. Doch, meinte unser Freund, aber ganz das sei ja so was von klar: Es gäbe ein Mortadella-Tattoo!
