Ägypten

Nun sitze ich im Bus von Kairo nach Hurgada. Aus dem linken Fenster der Blick aufs Rote Meer im Abendlicht. Auf der rechten Sand, Windmühlen, Gruppen von Bergspitzen und der Sonnenuntergang. In meinem Ohr erklingt Oum Kalthoum. Eine noch heute von der arabischen Welt umhimmelte ägyptische Sängerin.

In ein paar Minuten werden wir Halt machen, denn es ist Ramadan und somit Zeit für das „Breakfast“, Fastenbrechen. Der Busfahrer und sein Gehilfe werden in der Raststätte essen gehen. Für die Arbeiter und die Leute, meist Männer, welche es nicht rechtzeitig zu einem Lokal oder nach Hause schaffen, wird auf den Trottoirs oder sogar mitten auf der Strasse gedeckt und Essen gratis serviert, damit ihr Magen gefüllt wird und sie wieder zu Kräften kommen. Das Fasten bricht man traditionell zuerst mit mindestens einer Dattel, eine ungerade Zahl muss es sein, und darauf folgt die Mahlzeit.

Vor jedem Breakfast ist immer eine grosse Hektik. Das allgemeine, für unsere Ohren unerträgliche ägyptische Strassen-Gehupe wird noch ein paar Stufen intensiver. Denn alles muss davor erledigt werden und alle müssen nach Hause oder zur nächsten Essgelegenheit gelangen. Doch wenn der Imam nach dem stündigen Gebet seinen ersten Ton ansingt, kehrt für eine knappe Stunde, auch in der 20 Millionenstadt Kairo, absolute Ruhe ein. Als ob die Stadt in einen einstündigen Tiefschlaf fällt. Alle Geschäfte sind zu, alle Türen geschlossen. In den Restaurants, den wenigen die offen haben, werden zuerst Personal und fastenbrechende Kunden bedient. Ausser den Essenden, den Touristen, den Christen und den Abtrünnigen ist niemand draussen zu erblicken. Eine Stunde später beginnt die Stadt wieder aufzuleben, Cafés und Läden werden geöffnet, es wird rausgestuhlt und das Leben geht los bis tief in die Nacht hinein, meist bis zum Morgengrauen.

Wird doch dieses Land von uns und neuerdings auch von den Chinesen regelrecht überrannt, der Pharaonenzeit und deren Vermächtnis auf der Spur. Tempel für Tempel abklappernd, in den einstigen Ruhestätten rumtrampelnd, sich um das Verständnis derer Schrift und Brauchtümer bemühend. In Bussen und stinkenden Nilkreuzfahrtschiffen dem wirklichen Ägypten, der Realität vorbeifahrend. Ein bisschen Bauch- und Säbeltanz. Ein bisschen Fantasie und Illusion. Palmen, Kamele und Wüstensand. Habibi!

In einem Land mit 120 Millionen Einwohner, wo ein normales monatliches Einkommen 4500 ägyptische Pfund (zur Zeit sind das knapp 73 Schweizer Franken) beträgt. Sechs aber meist sieben Tage die Woche, im Schnitt zwölf Stunden pro Tag wird hier gearbeitet. (Ein Stundenlohn zwischen 10 und 20 Rappen) Ein Liter Milch kostet 40 Pfund. Ein Kilo Mehl 24. Wasser aus dem Hahn ist mit allerlei ungesundem verseucht, aber 1,5 Liter Flaschenwasser kostet zwischen 10-15 Pfund. Tendenz steigend. Weil die Produkte ziemlich ausnahmslos westlichen Firmen gehören. Staatsverträge. Die meisten Milchprodukte sind von Danone (Nestlé), alles Flaschenwasser, mit einer Saudiarabischen Ausnahme gehören Nestlé und Coca Cola. Im neuen ägyptischen „Grand Museum“ glänzt der Kiosk im Eingangsbereich mit Mövenpick-Glacé und dem Nespresso Logo.

Seit dem Staudamm bei Aswan, von französischen Firmen Ende der 60 Jahren erbaut, bringt der Fluss keinen Schlamm mehr, um die Felder zu düngen, somit braucht es Kunstdünger. Drei Mal raten wer den liefert. Das Wasser im Nil steht tiefer, Pumpen müssen es in die Bewässerunskanäle bringen. Wer kann sich das leisten?

Das gleiche Elend betrifft die Medizinalversorgung. Leiden die Menschen doch meist an Unter-oder falscher Ernährung. Vitamin und Mineralien fehlen ihren Körpern, doch Blut- und Stuhltests kosten ganze Monatslöhne. Natürlich meist von westlichen Firmen angeboten. Da sich das niemand leisten kann, hilft man der Bevölkerung in ihren Leiden mit Antibiotika, „Magenschonern“, Voltaren, allerlei Schmerzmitteln, Blutdrucksenker und Psychopharmaka, wo sich der Westen wieder eine goldene Nase verdient.

7.4 Milliarden bekommt der Präsident dieses Landes von 2024- 27 von der EU als Zustupf. (Die Schweiz ist mit 60 Millionen von 2025-28 mit dabei.) Wie wir sehen nicht umsonst. Um unsere Landsleute schnell von A nach B zu bringen, seinen unsere Produkte zu verkaufen und sein von Israel importiertes Gas an die EU zu exportieren. Leider reicht dann im Sommer der Strom, hauptsächlich mit Erdgas produziert, nicht aus, und er muss in den ärmeren Gegenden bei 48 Grad Celsius fünf mal pro Tag den Strom für eine halbe Stunde oder mehr abstellen, damit er über die Runden kommt.

Die Menschen, meist Männer arbeiten sich regelrecht zu Tode oder mindestens zu Krüppeln, damit sie die Familie ernähren, Schule, Strom, Wasser und Gas bezahlen zu können. „We work to survive“. Die Frauen halten zu Hause das Chaos in Schach. Stopfen Münder, lachen und trocknen Tränen. Teils tragen auch sie zum Broterwerb bei.

Ägypten, geopolitisch gesehen ein sehr wichtiges Land mit dem Mittelmeer im Norden mit dem die beiden Meere verbindenden Suezkanal, seinen Grenzen zu allen Konflikt- und Kriegsgebieten: Gaza und Israel auf der rechten, Libyen auf der linken und der Sudan im Süden. Zudem das Verbindungsland oder besser Pufferzone zwischen Afrika und Asien. Wen wundert es also, dass in dieses Land Geld gebuttert und ihm ein Militärdiktator auferputscht wurde. Der macht die Münder stumm und die Gehirne tot. Und riegelt die Grenzen ab. Ohne viel Geld und militärische Kontrolle kommt da kein Staatsbürger und schon gar kein Flüchtling raus. Unter anderem auch eine Bedingung der Zustüpfe. Jeder Mann wird hier gebraucht um mitzuhelfen. Flüchtlingspolitik vom Feinsten.

Da bleibt der Jugend hier in diesem Land vom kleinen Lohn, den man sich schon als Kind irgendwie nebenbei verdient, nicht viel mehr übrig als Zigaretten oder Shisha zu rauchen, meist noch mit Drogen frisiert, über ihr Elend zu lachen und im Coffeeshop zu gamen, dumme Reals anzusehen, damit man nicht auf die Idee kommt, vom unerreichbaren besseren Leben zu träumen. Denn mehr gibt es hier nicht zu tun und zu erfahren. Sie Sexualität wird gesetzlich im Namen der Religion unterdrückt bis zur Heirat. Sobald man verheiratet ist, fängt die Verantwortung „work to survive“ an, denn es wird Kind an Kind geboren, Aufklärung gibt es nicht, Verhütung ist ein Tabuthema.

Nun könnte man ja einfach sagen, wir lassen die Ägypter und ihre Pharaonen mal in Ruhe und gehen dort nicht in die Ferien. Das würde den Gräbern, Tempeln und der Korallenriffen mehr als gut tun. Nur sind aber an den Küstenregionen ca 20 % und rund um Luxor und Assuan 15 % der Bevölkerung vom Tourismus abhängig. Und schon sind wir im Dilemma.

Die Lösung? Das wissen wir eigentlich alle selber, aber wer von uns will schon mehr als auf das, was wir schon lange zu viel haben verzichten und redlich teilen? Wie das ginge, habe ich nämlich hier erfahren. Weil man teilt was man hat, auch wenn man danach nichts mehr hat.

So: Let’s…

Walk like an Egyptian!